Ein botanisches Erbe in den alten Rheinarmen.
Wer heute durch den Rheinwald bei Ketsch streift, bewegt sich durch ein Landschaftsfragment, das einst den gesamten Oberrhein prägte: ein lebendiges Mosaik aus Auenwäldern, Nebenarmen, Kiesbänken und periodischen Überflutungen. Inmitten dieser historischen Kulisse findet sich eine Pflanze, die wie kaum eine andere die Verbindung zwischen Naturgeschichte und Kulturgeschichte verkörpert – die europäische Wildrebe.
Gemeinderat und Umweltchronist Günther Martin führt uns zu einem der ältesten Bestände. „Diese Pflanzen sind Zeitzeugen“, sagt er und deutet auf eine kräftige Ranke, die sich seit Jahrzehnten an einer Eiche emporarbeitet. Tatsächlich gilt die Wildrebe als Urform der heutigen Kulturrebe, also jener Pflanze, die seit der Römerzeit den Weinbau am Oberrhein prägt. Während die kultivierten Sorten gezielt gezüchtet wurden, blieb die Wildrebe unverändert – ein botanisches Fossil im lebenden Wald.
Ein Relikt aus der Zeit der Stromverzweigungen.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein war der Rhein ein unberechenbarer Strom, der sein Bett ständig verlagerte – so Martin. Dabei entstanden die Auenwälder zwischen Ketsch, Brühl und Altlußheim und wurden regelmäßig überflutet. Genau diese Bedingungen benötigt die Wildrebe: feuchte, nährstoffreiche Böden, lichte Baumstrukturen und natürliche Dynamik. Erst die Rheinbegradigung durch Johann Gottfried Tulla (1817–1876) veränderte die Landschaft grundlegend. Viele Auen trockneten aus, und die Wildrebe verschwand in weiten Teilen Deutschlands.
Dass sie sich hier gehalten hat, ist ein Glücksfall, erklärt Martin. „Der Rheinwald Ketsch gehört zu den wenigen Orten, an denen die historische Auenvegetation noch erkennbar ist. Die Bestände wurden bereits in den 1970er‑Jahren von Naturschutzexperten dokumentiert und später als besonders schützenswert eingestuft.
Von der Klosterwirtschaft bis zur Kurpfälzer Weintradition.“
Die Wildrebe ist nicht nur ein Naturdenkmal, sondern auch ein Stück Kulturgeschichte. Schon im Mittelalter nutzten Klöster und Höfe am Oberrhein die wilden Reben als Grundlage für erste Zuchtformen. In der Kurpfalz entstanden daraus Sorten, die später in den großen Weinbaugebieten weiterentwickelt wurden. Die Wildrebe selbst blieb jedoch im Wald – unscheinbar, aber genetisch wertvoll.
„Sie zeigt uns, wie eng Natur und menschliche Entwicklung miteinander verwoben sind“, sagt Martin. „Ohne die Wildrebe gäbe es viele unserer heutigen Rebsorten nicht.“
Ein Schatz, der Aufmerksamkeit benötigt.
Heute stehen die Wildreben im Rheinwald unter strengem Schutz. Kartierungen, Pflegemaßnahmen und die Beobachtung des Wasserhaushalts sind notwendig, um die Bestände zu erhalten. Denn Veränderungen durch Klimawandel, Trockenperioden oder Eingriffe des Forstes in die Waldstruktur können die empfindlichen Pflanzen gefährden.
Beim Rundgang wird deutlich, wie vital die alten Ranken sind: Manche erreichen beeindruckende Höhen, andere bilden dichte Vorhänge aus Blättern. Für Vögel, Insekten und Kleinsäuger sind sie wertvolle Lebensräume.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Naturerbes, das weit mehr ist als eine botanische Besonderheit. Die Wildreben im Rheinwald Ketsch sind ein Stück lebendige Geschichte – bewahrt durch die Landschaft und durch Menschen wie Günther Martin, die ihre Bedeutung erkennen und weitertragen.
