Sommerinterview mit Heike Schütz: Die Grünen wollen Ketsch klimafester machen

Der Zugang zu einer Grünen Oase: Die Brücke zur Ketscher Rheininsel. © Martin

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Heike Schütz spricht über Bäume, Verkehr, Wohnraum und die Frage, wie Ketsch in Zukunft lebenswert bleiben kann.


von Connie Lorenz-Aichele
 Redaktion

In der Schwetzinger Zeitung vom 21.8.2026 ist folgender Artikel über Heike Schütz erschienen:

Ketsch. Im Sommerinterview kommen die Fraktionsvorsitzenden der Ketscher Parteien und Wählervereinigungen zu Wort und sprechen über die wichtigsten Themen der Gemeinde. Für Heike Schütz von den Grünen Ketsch stehen Klimaschutz und Klimaanpassung ganz oben auf der kommunalpolitischen Agenda. Sie spricht über mehr Grün im Ort, sichere Wege, den öffentlichen Nahverkehr, bezahlbaren Wohnraum – und darüber, wie Ketsch in zehn oder 20 Jahren aussehen soll.

Was ist für Ihre Fraktion derzeit das wichtigste kommunalpolitische Thema in Ketsch?

Heike Schütz: Das wichtigste Thema für uns ist das Klima. Hier ist ein Umdenken erforderlich, ansonsten brauchen wir uns bald über gar nichts mehr Gedanken zu machen. Es gibt hier einiges zu tun, um Ketsch zukunftsfähig zu machen. Das betrifft viele Bereiche: Bäume und Grün im Ort, Wasser, Gebäude, Verkehr und die Gestaltung öffentlicher Räume. Ketsch muss so entwickelt werden, dass der Ort auch bei zunehmender Hitze lebenswert bleibt. Dazu gehört für uns aber auch, die Menschen mitzunehmen und Entscheidungen transparent zu machen.

Welches Projekt oder welche Entwicklung in Ketsch liegt Ihnen aktuell besonders am Herzen – und warum?

Schütz: Besonders am Herzen liegen mir die Bäume und das Grün und die Frage, wie wir beides erhalten und verbessern können. Die aktuelle Hitzewelle zeigt uns sehr deutlich, dass wir auf solche Temperaturen nicht vorbereitet sind. Straßen mit großen Bäumen heizen sich aufgrund der grünen Schattenspender deutlich weniger auf. Daher müssen machbare Wege gefunden werden, unseren Baumbestand zu schützen und zu vergrößern. Ich möchte hier nochmals an das Thema Baumpatenschaft erinnern, das wichtiger denn je geworden ist. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, weshalb regelmäßig alle Platanen eines Straßenzugs kahlrasiert werden, statt etwa nur jede zweite zu schneiden und so zumindest die Hälfte des Schattens zu erhalten. Wir können uns glücklich schätzen, mit der Rheininsel einen einzigartigen Natur- und Erholungsraum zu haben. Angesichts von Klimawandel und Nutzungsdruck gilt es, diesen Schatz zu schützen. Die Debatte um den Kiesabbau im Entenpfuhl zeigt, wie wichtig das ist.

Die Gemeinde investiert in verschiedene Bereiche. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf bei Straßen, öffentlichen Gebäuden und Infrastruktur?

Schütz: Intakte Straßen und Gehwege sind wichtig für die Mobilität. Viele parkende Autos und Gehwegparker erschweren jedoch Fußgängern, Radfahrern sowie Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen die sichere Nutzung. Wir brauchen daher durchgängige Geh- und Radwege, sichere Querungen und Barrierefreiheit. Auch bei öffentlichen Gebäuden besteht Handlungsbedarf. Energetische Sanierung, Beschattung, Begrünung und Photovoltaik müssen stärker zusammengedacht und sinnvoll kombiniert werden.

Ketsch lebt von seiner Lage am Altrhein und vom hohen Freizeitwert. Was sollte getan werden, damit Ketsch noch attraktiver wird?

Schütz: Ketsch hat mit Altrhein, Rheininsel, Streuobstwiesen und Landschaft einen hohen Freizeitwert. Diesen gilt es zu erhalten und auszubauen – mit mehr Entsiegelung, Bäumen, Sitz- und Aufenthaltsmöglichkeiten. Denn ein attraktiver Ort lädt nicht nur zum Wohnen, sondern auch zum Verweilen ein.

Verkehr, Parken und Mobilität: Welche konkreten Verbesserungen halten Sie für realistisch?

Schütz: Leider wird in Ketsch weiterhin häufig auf Straßen und Gehwegen geparkt. Appelle zeigen wenig Wirkung. Ein konsequenteres Vorgehen des Ordnungsamts und eine erneute Beschäftigung des Gemeinderats mit dem Parkraummanagement wären daher wünschenswert.

Auch beim Rad- und Fußwegenetz brauchen wir eine Verbesserung. Oft sind effektive Maßnahmen relativ einfach und kostengünstig umsetzbar.

Schütz: Wichtig wäre es, den ÖPNV attraktiver zu machen. Ketsch ist beim öffentlichen Verkehr strukturell benachteiligt und braucht bessere Verbindungen und passende Anschlüsse zu den S-Bahnen. Leider ist das mit hohen Kosten verbunden. Carsharing und eine gute Ladeinfrastruktur sind wichtige Bausteine der Mobilitätswende. Erfreulich ist, dass es seit einigen Monaten das Deer-E-Carsharing in Ketsch gibt – derzeit noch mit einem Auto, aber das ist ausbaufähig.

Die finanzielle Situation vieler Kommunen ist angespannt. Sollte Ketsch künftig eher investieren oder stärker sparen – und in welchen Bereichen?

Schütz: Beides – aber an der richtigen Stelle. Bei Klimaanpassung, Gebäudesanierung, guter Infrastruktur sowie dem Erhalt von Straßen und Grünanlagen sollten wir nicht sparen, da sonst später höhere Kosten entstehen. Gleichzeitig müssen Ausgaben kritisch geprüft und Prioritäten gesetzt werden. Dafür müssen auch die Einnahmen steigen, um Pflichtaufgaben und freiwillige Leistungen wie die Schwimmbäder finanzieren zu können.

Kinderbetreuung, Schulen und Vereine prägen das Leben in Ketsch. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Schütz: Kinderbetreuung und Schulen müssen dauerhaft gute und ausreichende Angebote bieten. Zugleich sollten wir die hohen Kindergartengebühren überprüfen und etwa einkommensabhängige Modelle prüfen. Unsere Vereine sind für Gemeinschaft und Integration unverzichtbar, insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit, und verdienen weiterhin Unterstützung.

Wie kann Ketsch für junge Familien und Jugendliche attraktiver werden?

Schütz: Junge Familien sind unsere Zukunft. Ketsch sollte mit bezahlbarem Wohnraum, guter Kinderbetreuung, sicheren Wegen und attraktiven Freizeitangeboten punkten. Wichtig sind auch Räume für Jugendliche und junge Erwachsene, wo sie sich aufhalten können, ohne dass daraus sofort ein Konflikt entsteht. Gleichzeitig muss Ketsch für alle Generationen lebenswert sein.

Welche Maßnahmen sollte Ketsch beim Klima- und Umweltschutz in den kommenden Jahren vorrangig angehen?

Schütz: Klimaschutz und Klimaanpassung müssen zusammengedacht werden: mit größeren Bäumen, Entsiegelung, Schatten, Regenwassermanagement, Photovoltaik, energetischer Sanierung und dem Schutz von Grünflächen und Natur. Das Grün muss der Hitze standhalten. Dabei müssen wir neue Wege bei der Bewässerung gehen. Entscheidend ist, dass Verwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft gemeinsam handeln – denn die größte Fläche in Ketsch ist in privater Hand. Es braucht die Unterstützung von allen, um effektiven Klima- und Umweltschutz zu betreiben.

Die Gemeinde steht vor Themen wie Wohnraumentwicklung, Gewerbe und Flächennutzung. Welche Schwerpunkte würden Sie setzen?

Schütz: Für uns gilt: Innenentwicklung vor weiterem Flächenverbrauch. Wir brauchen intelligente Nachverdichtung, ohne jede freie Fläche zu bebauen. Gleichzeitig sollte ungenutzter Wohnraum aktiviert werden. Ziel ist eine gute Mischung verschiedener Wohnformen und ein breites Wohnraumangebot. Gewerbeentwicklung soll dort stattfinden, wo sie sinnvoll ist, ohne Natur, Landwirtschaft und Lebensqualität aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig ist die Gewerbesteuer wichtig für die finanzielle Handlungsfähigkeit der Gemeinde.

Welches Thema wird politisch zu wenig diskutiert?

Schütz: Es gibt vieles, was zu kurz kommt. Oft werden Ideen gar nicht erst verfolgt, weil es sofort heißt: „Kein Geld!“ Wir müssen stärker langfristig denken: Wie wollen wir in Ketsch in 20 oder 30 Jahren leben? Wie gehen wir mit zunehmender Hitze und Wasserknappheit um? Wie bewegen sich ältere Menschen fort? Wo spielen Kinder? Welche Infrastruktur können wir uns leisten?

Wenn Sie morgen eine Entscheidung allein treffen könnten – welche wäre das?

Schütz: Ich würde ein umfassendes Konzept für die klimaangepasste Gestaltung auf den Weg bringen. Dazu gehören Bäume, Grünflächen, Wasser, Entsiegelung, Beschattung und die Gestaltung von Straßen und Plätzen. Und ich würde dafür sorgen, dass die Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden.

Wo sehen Sie Ketsch in zehn Jahren? Welche Entwicklung wünschen Sie sich für die Gemeinde?

Schütz: Unsere Vision ist ein Ketsch, das seinen dörflichen Charakter bewahrt und gleichzeitig moderner und lebenswerter geworden ist: grüner, klimafester, mit einer Priorität weg vom privaten Auto hin zum ÖPNV und einem attraktiven Fuß- und Radwegenetz. Ein Ort, bunt und vielfältig, in dem sich alle wohlfühlen und Natur nicht als Hindernis für Entwicklung, sondern als Teil der Lebensqualität gilt.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Ketsch und warum?

Schütz: Ein Platz wird schön durch die Menschen, mit denen ich dort bin – sei es in meinem Garten, auf der Rheininsel, im Restaurant oder Café, auf dem Fischerfest, im Kino oder wo auch immer.